| Erinnerungen an ein Schützenfest |
Chronik-Inhalt |
Jeder Schütze bekam ein Fähnchen in die Hand
Kindheitserinnerungen an Lichtenfels / Von Margret Werner
abgedruckt im Obermain-Tagblatt vom 18. April 2000
Wenn der Sommer am schönsten war, so um Mitte Juli, gab es Schulferien. War das schon eine große Freude für alle Kinder, so kam eine noch größere hinzu, der Höhepunkt des Jahres-. Das Schützenfest. Unsere kleine Stadt und jede einzelne Familie, alle waren gerüstet. Die städtischen Arbeiter hatten den Anger gesäubert, die Familien hatten Kuchen gebacken, eingekauft und die Verwandten eingeladen. Rechtzeitig rückten die dann an, die Onkel, Tanten, Vettern und Basen.
Inzwischen hatten die Schausteller ihre Fahrgeschäfte, Karussells und Buden, aufgebaut, was die Kinder natürlich ständig begutachteten. Am Freitagabend war es dann soweit - Die Blaskapelle marschierte voraus, dahinter kam der Bierwagen, schön mit Grün und Blumen geschmückt und danach die Schützen in ihren Festtagsuniformen, den Schützenhut mit der Adlerfeder darauf, schwenkend.
Das Volk stand erst jubelnd am Straßenrand, warf oft ein paar Blumen und schloss sich dann dem Zuge an. Hinaus gings, auf den Anger, die Festwiese.
Triumphbogen
Dort war ein Triumphbogen, mit bunten Fähnchen geschmückt,
gespannt und viele Tische und Bänke lockten zur Bierprobe, die auch
gleich begonnen wurde. Aus großen, tönernen Maßkrügen
prostete man sich zu, während die Musik auf dem Podium, das zu diesem
Zweck errichtet worden war, die fröhlichsten Weisen spielte.
Die Kinder, die da noch aufbleiben durften, liefen neugierig herum
und hatten viel anzuschauen. Es gab ein Kettenkarussell und eins mit Pferden
und Wagen, eine gruselige Geisterbahn, eine Schiffschaukel und vieles andere
mehr.
Wenn sich der Hunger und der Durst meldeten, dann suchten sie schnell den elterlichen Tisch auf, bekamen ein Stück von der Laugenbre zel, die der Vater gerade vom Brezel mann mit der langen Stange gekauft hatte und durften einmal aus dem Maßkrug trinken. War der Vater dann besonders gut gelaunt, so bekamen sie auch noch ein Zehnerl zum Karus sellfahren. Mit dem Zehnerl waren sie dann ganz schnell wieder verschwunden. Inzwischen hatten die Stände ih re Öllampen angezündet und auch die Fahrgeschäfte Licht gemacht. Da war dieser schöne Tag gelaufen, die Familien machten sich, manchmal mit einer Tüte "Waffelbruch" oder gar „gebrannten Mandeln" ausgerüstet, auf den Heimweg und freuten sich schon auf den morgigen Tag.
Der Schützenfest-Samstag gehörte vor allem den Schützen.
Im Schützenhaus wurde geschossen, was das Zeug hielt. Die größeren
Buben waren zum Aufschreiben eingeteilt und wenn ein "Blättla" geschossen
wurde, jubelten sie laut auf.
Es gab verschiedene Scheiben: Eine Haupt-, eine Glück-, eine Meister-,
eine Adler- und eine Jagd-Scheibe. Am allerwichtigsten aber war die Königsscheibe.
Wer da richtig hinhielt und den besten Schuss abgab, der wurde Schützenkönig.
Wer der Glückliche war, blieb aber bis ganz zum Schluss ein Geheimnis.
Die Kinder strolchten am Nachmittag ein wenig über die Festwiese,
auf der bis zum frühen Abend noch nicht viel los war und schauten
ein bisschen hinter die Kulissen. Beim kleinen Pferdekarussell standen
ein paar Buben Schlange. Hier war etwas zu verdienen, da das Karussell
noch geschoben werden musste, brauchte man die Schieber. Zehn Mal schieben
brachte eine Karussellfahrt ein. Die Buben rissen sich darum
Als es fast dunkel wurde, zündeten die Bratwurstbrater ihre Feuer
an und der duftende Dunst stieg verlockend in den Himmel. Die Musik fing
an, flotte Märsche und Weisen zu spielen und der Biergarten füllte
sich. An den Tischen der Schützen überwogen die Uniformen, die
Schützendamen hatten ihre besten Kleider angezogen und so mancher
bunte Luftballon wurde an den Henkel des Maßkruges gebunden. Welch
fröhliches Bild.
Da schlechte Zeiten waren, kam so mancher arme Schlucker an den Schützentisch,
um seinem Chef oder Bekannten einen "Guten Abend" zuwünschen, in der
Hoffnung eine Maß spendiert zu bekommen. Na, meistens hat es ja auch
geklappt. Ganz spät abends, bevor die Buden schlossen, machten die
Schützen mit ihren Damen oft noch einen Angerbummel, schossen an Schießbuden
künstliche Blumen, warfen nach Büchsen, kauften vielleicht eine
Tüte Eis oder gingen in die Geisterbahn. Dort ging es fürchterlich
zu und die Damen kreischten schrill, wenn ihnen so ein Geist ins Gesicht
fuhr. Der tollste Tag aber war der Schützerfest-Sonntag. Da war zuerst
ein Standkonzert auf dem Marktplatz, dann formierten sich die Schützen
und die Vereine mit den Fahnen zum Auszug auf den Anger und ins Schützenhaus.
Die Leute standen Spalier und klatschten, wenn die Musik oder Bekannte
vorbeizogen
Schon da, noch vor dem Mittagessen, war ein Gedränge auf dem Platz
und im Biergarten, die Kellner und Kellnerinnen hatten tüchtig zu
tun. Es waren so viele Leute vom Umland, aus den Dörfern und Marktflecken
gekommen, dass es fast keinen Sitzplatz mehr gab. Man rückte aber
ganz eng zusammen, prostete sich zu und im Nu war man miteinander bekannt
– Stadt und Land.
Nach den Festreden des Bürgermeisters und der verschiedenen Schützen
wurde es dann urgemütlich. Ab und zu kamen die Kinder, die sich auf
dem Platz vergnügten, hinzu und wurden abgespeist.
Gegen Abend wurde es dann spannend: „Preisverteilung“. Der Reihe nach
wurden die Scheiben und die Gewinner aufgerufen.
Zum Schluß die Königsscheibe.
Damit es noch spannender wurde, las man die Namen der Gewinner vom
Letzten bis zum Ersten, dem neuen Schützenkönig.
Der bekam dann, unter dem Jubel und Beifall der Menge, die silberne
Königskette umgehängt.
Jeder Schütze bekam ein Fähnchen in die Hand, die Musik zog
voraus und es ging zurück in die Stadt, wo die Schützenfahne
bis zum nächsten Jahr im Rathaus verwahrt wurde.
Die Biergartenbesucher aber feierten noch bis in die Nacht weiter.
Dann aber zogen sie bedauernd ab.
Es war wieder eine schönes Schützenfest gewesen.