| Vom Wesen des Freischießens |
Chronik-Inhalt |
Schützenfeste feiert man soweit die deutsche Zunge klingt. Nicht
zuletzt gilt das Frankenland als echte Hochburg uralter Frei- und Vogelschießen.
Sport, Tradition und Volkstum reichten einander stets die Hände, wenn
es galt, rund um Bamberg den stolzen Ablauf dieser Kundgebungen sicherzustellen.
Vielseitig sind die Berichte über den glanzvollen Verlauf der Schützenfeste
von altersher. Auch in Lichtenfels war dies nicht anders. Immer zeigte
sich ein Wetteifern mit den benachbarten und befreundeten Vereinen. Coburg
und Kronach waren die wichtigsten Partner. Aber auch die Schützen
in Marktzeuln, Staffelstein, Sonnefeld und Neustadt bei Coburg sowie in
manch kleinerem Ort wußten sich im großen Rahmen erfolgreich
zu behaupten. Gewiß feierte jeder Ortsein eigenes Fest, aber bei
gleichem Geist und gleichem Sport hielten sie doch miteinander eine geschichtlich
geprägte, lokal bewährte Linie ein. Unser Schützenfest blieb
stets diesem Grundsatz treu. Man kann, will man sich mit seinem Wesen befassen,
leider nur von der Entwicklung ausgehen, die das Fest in den letzten hundert
Jahren nahm, da für die frühere Zeit die Aufzeichnungen zu mangelhaft
sind, um die Grundlage für einen zuverlässigen Bericht zu geben.
Eine erfreuliche Ausnahmemacht lediglich die Darstellung des Bamberger
Bibliothekars Jäck aus dem Jahre 1811. Seine Ausführungen verkörpern
ein literarisches Denkmal, auf welches Stadt und Schützengesellschaft
gleich stolz sein können.
Entscheidend geprägt wurde das Äußere des Lichtenfelser
Freischießens durch den Festplatz. Unser Schieß- oder Schützenanger
hat es in sich. Ein Stück unberührter Natur fast inmitten der
Stadt! Wir haben versucht, seine Entwicklung in den letzten 250 Jahren
gesondert darzustellen. Linden und Pappeln, Eschen und Weiden schmücken
den Platz. Main und Mühlbach bilden den inneren Rahmen. Aus nächster
Nähe klingt der geschäftige Verkehr des großen Bahnhofs
herüber. Aus naher Ferne grüßen zugleich der bewaldete
Burgberg und sein Gegenüber, der turmgekrönte Herberg, während
im Westen das hohe Kloster Banz und die mächtige Bastei des Staffelberges
die Schau begrenzen. Unbeengt durch Bauten, immer von frischer Luft durchspült,
wickelt sich unter dem Laubgezelt alter Bäume jedes Jahr eine Woche
lang das fröhliche Treiben ab. Schützenhaus und Schützengarten
sind der zentrale Hauptpunkt des weiten Platzes. Von dieser Mitte aus reihen
sich in einer großen Schleife die Betriebe der Schausteller und Händler,
die Bier- und Schießbuden, die Bratwurst- und Fischstände, die
großen und kleinen Karussels und all die anderen Unternehmungen an,
ohne die man sich das Schützenfest nicht denken kann. Vor der Jahrhundertwende
gastierten auf dem Platz während des Schießens in der Regel
auch große Zirkusse und bedeutende Seiltänzergruppen. Durch
die immer mehr steigende Flut der Fahrzeuge aller Art - die ganze Stadt
bildet während des Freischießens einen einzigen Parkplatz -
ist die Zulassung derartiger raumfressender Unternehmungen aber nicht mehr
möglich.
Bei aller Ungebundenheit, die dem Einzelnen volle Freiheit gewährt,
gliederte das Fest sich doch immer mehr zu einem abwechslungsreichen Ganzen.
Zwischen der ersten Bierprobe und dem Festausklang liegt ein langer bunter
Weg. Der Tag der Kinder und der Abend des Feuerwerks, der Bauerntag und
der große Kaffeetisch der Frauen wurden zu gewohnten Einrichtungen.
Die Nachmittags- und Abendkonzerte stellen jeweils die verbindende Brücke
für den fröhlichen Ablauf des Festes her.
Fast unbemerkt vom Besucher, schier am Rande, wickelt sich gleichzeitig
das große Schießen ab, das dank der von Jahr zu Jahr verbesserten
Anlagen seine steigende Zugkraft bewährt. So bietet das Schützenfest
in verschwenderischer Fülle jedem das Seine. Was da jubelt und singt,
was da lacht und weint, ist die Lichtenfelser Volksseele, ist der Frohsinn
der Bewohner des Gottesgarten am Obermain. Wir erleben in der Festwoche
immer wieder ein Stück besten fränkischen Volkstums. Der Platz
kennt keinen Rummelbetrieb, auch nicht die Ausgelassenheit rheinischen
Humors, wohl aber jene stille, frohe fränkische Beschaulichkeit, die
selbst am Kleinen sich herzhaft freuen kann. Das Treiben in den Bierzelten
wickelt sich im besten Frieden ab. Ausschreitungen ernsterer Natur ereigneten
sich nie. Man freut sich des Lebens und lauscht den frohen, schmeichelnden
Klängen der Musik. Seit Jahren schon tragen die Gaststätten ringsum
in gesonderten Veranstaltungen den Festbetrieb auf den oberen Anger hinaus.
Das Stadtviertel jenseits der Eisenbahn-Unterführung lebt in der Festwoche
ausschließlich unter den Gesetzen des Freischießens. Dabei
klingt das Fest von Jahr zu Jahr kräftiger und überzeugender.
Zum Freischießen trifft sich, was zu Lichtenfels gehört. Freunde
und Bekannte aus aller Welt halten Einkehr und erweisen ihren lieben Schützen
und der guten alten Stadt gerne die Ehre. Jahrzehntelang verteilte sich
der Gästestrom auf die Schankstätte im Schießhaus, auf
zwei Bierbuden und den sogenannten "Juchhe". Dies war ein Tanzplatz im
Freien. Es spricht für die fränkische Beschaulichkeit und Nüchternheit,
wenn der "Juchhe" sich zuletzt nicht mehr behaupten konnte, und lange vor
der Jahrhundertwende abgeschafft wurde. Eine Neuerung, seit 1958, ist dasgroße
Münchener Bierzelt. Ein geschäftstüchtiger Unternehmer,
eine schmissige Musikkapelle, verbunden mit artistischen Einlagen, eine
straffe Organisation in Bedienung und Unterhaltung schaffenKurzweil und
herzhafte Heiterkeit. Der Zeltgast wird in Anspruch genommen, er muß,
ob er will oder nicht, teilnehmen an dem Kling Klang Gloria, an den "Prosits",
an dem Schunkelwalzer, an der närrischen südbayerischen Freudigkeit.
Die bisher gezeigte Zugkraft des Unternehmens spricht an sich für
die Beliebtheit dieser Neuerung. Sollte es darüber hinaus gelingen,
dem Riesenbetrieb eine etwas mehr bodenständige fränkische Note
zu geben, bedeutet das große Bierzelt eine glückliche Bereicherung
des Schützenfestbetriebes.
Wie stark übrigens der Widerhall der Festwoche ist, zeigen die
Gedichte, die im Laufe der letzten Jahrzehnte immer wieder dem Freischießen
gewidmet wurden. Eine kleine Auslese dieser originalen Berichte, die zugleich
ein Beitrag zur Geschichte des Schützenfestes selber sind, läßt
uns den Ablauf der Festtage und den Herzschlag der großen Schützengemeinschaft
fröhlich mit erleben.
Festgruß aus dem Jahre 1865
Auf des "Angers" grünen Matten,
Draußen in der Linden Schatten,
An des Maines Flut, so klar,
Macht sich breit die frohe Schar.
Prächtig ist's auf diesen Räumen,
Alles strahlt in Heiterkeit,
Und des edlen Stoffes Schäumen
Lächelt uns und scheucht das Leid.
In die Zelte ist gedrungen
Neues Leben an dem Feste,
Eintracht alle hält umschlungen.
- Hoch willkommen alle Gäste!
(Verfasser unbekannt)