|
Sommer 1935, das „Tausendjährige Reich“ war gerade
2 Jahre alt geworden und ich war 12 ½.
Die Firma meines Vaters war pleite und wir mussten binnen 48 Stunden
unsere Werkwohnung verlassen. Untergekommen sind wir bei einem Freund
meines Vaters, Herrn Stößlein. Er betrieb eine kleine Holzwarenfirma und
stellte uns 2 Fabrikräume als Not- wohnung zur Verfügung.
Meine große Liebe galt der Königlich privilegierten
Scharfschützengesellschaft. Ich war bei jedem Schießen am Stand und
verkaufte Frohnpatronen 8,15 + 46R, bekannt als Deutsche Schützenpatrone,
die bei uns daheim wiedergeladen wurden. Am Ende der Schießbahn bei 175m
befanden sich die Zieler in einem Deckungsgraben, von wo aus die Scheiben
hochgezogen wurden. Oftmals durfte ich auch, wenn meine jüngeren Brüder
den Munitionsverkauf übernahmen, als Zieler Dienst machen. Zu Beginn und
auch zum Ende jedes Schießen wurde vom Oberzieler Herrn Löhr ein
Böllerschuss ausgelöst. Das wollte ich auch selbst einmal tun. Ich
besorgte mir ein zweizölliges Stahlrohr und be-tonierte das untere Ende
zu. In Ermangelung von Schwarzpulver nahm ich einfach Walsroder
Büchsenpulver Marke Wolff M1910, ein ziemlich offensives, rauchloses
Pulver aus den Wiederlader-materialbeständen meines Vaters. Das war kein
Problem, weil die abgeschossenen Hülsen von uns Buben wieder geladen
wurden. Ich schüttete also eine Pappröhre voll Pulver, immerhin 100 Gramm,
in das Rohr wo ich für eine 3mm Zündschnur eine Bohrung angebracht hatte
(diese Menge Pulver hätte für fast 150 Schuss ausgereicht). Im Garten
hinter der Fabrik suchte ich einen Abschussplatz. Fündig wurde ich in
Herrn Stößleins Garten zwischen 2 Reihen wunderschön gewachsener
Stangenbohnen. Hier dachte ich, knallt es, doch niemand könnte die Ursache
orten. Dachte ich. Mit Papier und Erde habe ich die Ladung verdämmt und
das Rohr bis zur Bohrung in den Boden eingegraben. Die Zündschnur brannte
ab und es tat sich gar nichts. |
|
 |
|
Böllern am Schützenfest in Michelau |
| |
|
 |
|
Schützenkönig 2003 / 2004 |
|
 |
|
Schützenkönig 2003 / 2004 |
|
Meine Pulverladung hatte nicht gezündet. Mühsam und
äußerst vorsichtig habe ich die Verdämmung wider herausgekratzt und das
Pulver geborgen. Mehrere Versuche ergaben, dass die Zündschnur nicht genug
Energie lieferte um das rauchlose Pulver anzubrennen. Es musste etwas her
was leichter zündete. Damals gab es Zünd-hölzer mit grünen Köpfen,
sogenannte Überallzünder. Mein größtes Problem war dabei, die Zündmasse
von den Hölzchen abzu-machen. Trotz größter Vorsicht ist fast jedes zweite
Zündholz abgebrannt. Letztlich habe ich die Köpfe ganz gelassen und nur
das Holz abgezwickt. Mit dieser äußerst gefährlichen Unterlage unter das
Pulver wurde der Böller wieder gefüllt. Weil ich mich nicht traute die
Verdämmung festzustampfen , habe ich die letzte Lage mit Gips
zugeschmiert. Danach hat es funktioniert: Es gab den gewünschten großen
Knall, doch oh Schreck – wo vorher Bohnen-stangen standen, war alles
flach. Die ganze Doppelreihe war eben-erdig abgeschnitten. Der obere Teil
meines „Böller“-Rohres war auf Nimmerwiedersehen davongeflogen und das
Bodenstück hatte die Form einer kleinen Kreissäge. Das Rohr war auf der
Höhe der Bohrung abgerissen und die Druckwelle wirkte wie eine Sense, der
selbst die hölzernen Stangen nicht widerstehen konnten. Herr Stößlein war
sehr verärgert und kündigte unsere Notwohnung. Die körperliche Bestrafung
durch meinen Vater war entsprechend.
Heute bin ich seit Jahren Böller-Schussmeister bei der Königlich
Privilegierten Scharfschützengesellschaft Lichtenfels und achte peinlich
genau darauf, dass keiner mit Pulver irgend einen Unfug macht !
Text: Rudolf Großmann Ehrenmitglied der
Kgl. Privil. Scharfschützengesellschaft Lichtenfels
Bild: mit freundl. Genehmigung für den Abdruck Klaus Gagel
Artikel: erschienen in der Bayerischen Schützenzeitung 06/2005
|