| Artikel aus
dem Obermain-Tagblatt vom 20.Oktober 2007
Mit Hingabe geschnitzt und
gemalt
Bernhard Schoder (93)
hat unzählige Kunstwerke geschaffen /
Seine Schützenscheiben sind sehr begehrt
Artikel von Roger
Martin / mit freundlicher Genehmigung
Dass Schoder demnächst 94 Jahre alt wird,
sieht und merkt man ihm nicht an. „Natürlich muss man in diesem Alter
Abstriche machen, aber ich fühle mich noch gut und bin geistig fit", sagt
der Schneyer. „Ich fahre noch heute mit dem Mofa nach Lichtenfels", ergänzt
er stolz. Dass er aus Altersgründen seit einigen Jahren seinen
kunsthandwerklichen Talenten nicht mehr fröhnen kann, akzeptiert er. Seine
geschnitzten Kunstwerke sind so zahlreich, dass man ihnen in der Wohnung und
auf dem übrigen Anwesen in der Parkstraße auf Schritt und Tritt begegnet.
Hier eine Madonna, dort ein Christophorus, hier ein „Letztes Abendmahl",
dort Kloster Banz als Wandtafel. Schoder schnitzte nicht nur
leidenschaftlich gerne, er hat auch gerne und schmuckvoll gemalt und
gezeichnet. Es gibt kaum ein Bild in seiner Wohnung, das nicht von ihm
stammt. Die Schnitzerei aber war das beherrschende Hobby.
1950 begann Schoders Karriere als
Schützenscheiben-Schnitzer. Es war eine Auftragsarbeit für den Schneyer
Schützenverein. „Für die Stunde habe ich damals einen Arbeitslohn von 50
Pfennigen verlangt", erinnert sich der Künstler. Das hat sich natürlich in
der Folgezeit gesteigert. „Reich bin ich mit diesen Arbeiten aber nicht
geworden", schränkt er gleich ein. Dass der Schneyer wunderschöne und
handwerklich ausgezeichnete Schützenscheiben herstellen kann, sprach sich im
damals noch selbstständigen Schney und in Lichtenfels und bald auch weit
über die Grenzen unserer Heimat hinaus herum. Schoder erhielt Aufträge von
den Königlich Privilegierten Scharfschützen in Lichtenfels, den Schützen in
Staffelstein, aber auch von Schützen aus Südtirol und aus dem Norden
Deutschlands, ja sogar aus den USA. Im Schützenhaus in Lichtenfels zum
Beispiel können die handgeschnitzten Scheiben Schoders bewundert werden. Am
vergangenen Wochenende präsentierte dort Erster Schützenmeister Siegfried
Jäckel die neue Ehrenscheibe der Scharfschützen in Lichtenfels, eine
Jochen-Thiel-Gedächtnisscheibe. Der viel zu früh verstorbene frühere Erste
Schützenmeister hatte die Scheibe kurz vor seinem Tod bei Bernhard Schoder
in Auftrag gegeben: Das Ergebnis ist ein Meisterwerk, das nun im
Schützenhaus einen Ehrenplatz erhält.
Schoder hat die Kunst des Holzschnitzens nirgendwo gelernt. „Ich bin reiner
Autodidakt. Ich habe mir alles selbst beigebracht", sagt er. Natürlich ist
er durch den väterlichen Schreinereibetrieb in Schney „vorbelastet" gewesen.
Einige Jahre lang, nach Ende der Kriegsgefangenschaft, arbeitete Schoder
auch dort. 1955 legte er die Meisterprüfung ab. Wenig später dann schied er
aus dem Betrieb aus und ging zur Post, wo er bis 1977 blieb. Seitdem ist er
Pensionist. Seinem kunsthandwerklichen Hobby ist er lange darüber hinaus
nachgegangen. Zuhause hatte er sich schon früh eine passende Werkstatt
eingerichtet.
Seine Werke fertigte Schoder aus Lindenholz. Entsprechende rohe Holzblöcke
holte er sich aus Sägewerken und formte sie zu Kunstwerken. Für eine
Schützenscheibe brauchte er durchschnittlich 50 Stunden. Alles Handarbeit,
versteht sich. Am Ende behandelte er das Holz mit einer Beize und einer
Lasur. Danach bemalte er es mit Aquarellfarben. Entscheidend für die
Ausfertigung seien jeweils die Vorgaben des Auftraggebers gewesen, erläutert
er. Die passte der Künstler dann seiner „plastischen Vorstellung" an und
begann zu schnitzen. Eigentlich wollte der Schneyer keine Handwerkskarriere
einschlagen „Mein Wunsch war es, Kunstmaler zu werden", sagt er. Der Vater
habe ihm aber eine Ausbildung in einer Kunstakademie nicht finanzieren
können.
Schoder hatte zwei
Geschwister. Aus „wirtschaftlicher Not" sei er 1933 zur Reichswehr nach
München gegangen. Dort blieb er einige Jahre und wurde als Mitglied der 4.
Gebirgsdivision zum Kriegsdienst eingezogen. Seine Zugehörigkeit zur
Gebirgsdivision kommt nicht von ungefähr. Schoder war ein eingefleischter
Bergwanderer und hat mehrere 3000er in den Gebirgen in Bayern und Tirol
bestiegen. „Auf den Berghütten habe ich sehr schöne Zeiten verlebt", sagt
Schoder, der von sich selbst sagt, er sei „sehr naturverbunden". An die
Friedenszeit in der Reichswehr erinnert sich Schoder gerne. Er war beim
dortigen Spielmannszug und spielte bei großen Anlässen. Schoder brachte es
zum Unteroffizier und genoss Ansehen. Der Zweite Weltkrieg riss auch ihn aus
dem gewohnten Leben. Als Soldat war er bei Militär-Operationen in Polen,
Frankreich, Jugoslawien, „Russland von A bis Z" und zum Schluss in der
Tschechoslowakei dabei. Auf dem Rückzug sei er am „Schwarzen Meer" mit
seiner Kompanie eingeschlossen gewesen. Er konnte sich mit einem waghalsigen
Sprung auf die Kühlerhaube eines ausfahrenden Lkw der Wehrmacht retten.
Später geriet er in russische Gefangenschaft. Die dortigen Aufseher wurden
auf den jungen Mann aus Schney aufmerksam: Schoder schnitzte in der
Gefangenschaft einfache Gebrauchsgegenstände, die die Russen beeindruckten.
Unter anderem restaurierte er damals eine Original-Stradivari-Geige.
In Schney ist OT-Leser Schoder hochgeachtet und bekannt. Kaum einer weiß
vielleicht heute noch, dass er in dem Ort einer der ersten Skifahrer war.
„Ich habe mir nach dem Zweiten Weltkrieg selbst ein paar Ski gefertigt",
erzählt er.
Auch politisch war Schoder sehr aktiv: Die Schneyer wählten ihn in den
Gemeinderat, dem er 12 Jahre als Mitglied der Freien Wähler angehörte. Sechs
Jahre lang, bis zur Eingemeindung Schneys nach Lichtenfels, war Schoder 3.
Bürgermeister.
Die Schützen schätzen ihn sehr und haben ihm bereits höchste Ehren zuteil
werden lassen. Bei den Scharfschützen in Lichtenfels, wo er 8 Jahre 2.
Schützenmeister war, und bei den Zimmerstutzen-Schützen in Schney ist er
Ehrenmitglied.
Seine Schützenscheiben sind begehrt. Obwohl er so viele davon geschnitzt
hat, befindet sich keine mehr bei ihm zu Hause. Gab es eine von ihm
geschnitzte Schützenscheibe, auf die er besonders stolz war, fragen wir ihn.
„Nein", antwortet er, „mir haben sie alle gefallen."
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