| Das Lichtenfelser Schützenfest im Jahre 1811 |
Chronik-Inhalt |
Plötzlich rollte ein außerordentlicher Kanonendonner den
Maingrund herab, dicke Rauchwolken erheben sich zwischen Banz und 14Heiligen
im fernsten Hintergrunde, die ganze Länge der Chausee ist mit Reisenden
so bedeckt, daß es das Ansehen gewinnt, als wären alle Bewohner
der Stadt Bamberg durch jenen Kanonendonner aus ihrem Schlummer erweckt
worden. Neugierig nach der ungewöhnlichen Erscheinung eilen wir den
Berg hinab in unsern Wagen, und folgen der Rauchwolke entgegen der langen
Reihe von Karossen nach. Kaum haben wir Hallstadt verlassen, so liegt schon
das schöne Güßbach vor uns hinter diesem etwas erhabener
der Flecken Rattelsdorf mehr links das schöne Jägerhaus von
Daschendorf, und endlich das Amtshaus des jetzt würzburgischen Fleckens
Baunach. Über Oberndorf hinaus erweitert sich unsere Aussicht in den
Maingrund in der blühendsten obgleich sandigen Pläne zeigt
sich zur Linken das große in der vaterländischen Geschichte
durch Prozeßsucht berühmt gewordene Dorf Ebing, dessen weit-
läufige Flur durch die widrigsten Elemente der Natur selbst dies-
und jenseits des Maines zerstreut wurde. Gleich außer Zapfendorf
feßelt eine Reihe Pappelbäume und das hinter ihnen versteckte
ehemals von Schaumbergische jetzt von Brockdorfische Schloß zu Leiterbach
dicht neben der Land- straße unsere Aufmerksamkeit; unter Seitenblicken
auf die Veitskapelle zur Rechten und auf die Kapelle von Oberbrunn zur
Linken nähern wir uns dem Dorfe Ebensfeld, wo wir am Gasthause zur
Krone einige Erfrischungen genießen, und die Pferde etwas ausruhen
lassen. Die heftigsten Stöße des Wagens geben Veranlassung über
die Verarmung der Gemeindekassen sowohl als über das daraus erfolgende
schlechte Pflaster der Landstädte uns zu verbreiten. Nur unter flüchtigen
Seitenblicken auf den perpendiculär sich erhebenden Staffelberg und
der auf das schöne Gut Au, welches den Axterischen und Stengleinischen
Familien zu Bamberg gehört, gelangen wir in Staffelstein an, wo wir
durch die wiederholten Stöße, welche wir vom schlechten Pflaster
leiden, nur noch heftiger in unserm Wortwechsel werden. Endlich eröffnet
sich der schönste Grund des Bamberger Landes durchschlängelt
vom Maine in 100 Krümmungen beherrscht vom Staffel- und Banzer Berge.
Während wir uns mit dem Plane beschäftigen, die äußerst
schöne Wallfahrtskirche von 14Heiligen bey dieser schicklichen Gelegenheit
zu besuchen, ruft uns die Glocke der rivalisierenden Nachbarin zur wiedergebornen
Rosenkranz-Bruderschaft. Zwar bemächtigt sich unser jetzt die Erinnerung
an den Fürstb. Franz Ludwig, welcher auf der Rückkehr von einer
Diöcesanvisitation sogar seinen Wagen auf eine Viertelstunde verließ,
um sich am harmonischen Glockenspiel von Banz und 14Heiligen (*Leider hat
der geldgierige Zeitgeist auch die großen so wohl klingenden Glocken
der bey den Kirchen geraubt, und zu fremdartigen Zwecken verwendet) mit
aller Herzlichkeit zu laben; allein für die Rosenkranzbruderschaft
können wir doch nicht Sinn fassen: denn wir sind über- zeugt,
daß der neue Beförderer derselben nur vom schmutzigen Eigennutze
zu einer Unternehmung verleitet wurde, deren geweihte Ordenszeichen das
K. Landgericht mit Konfiskation ohne höhere Anzeige zu gelind strafte.
Der Kanonendonner wird unterdessen vernehmlicher, die Rauchwolcke vergrößert
sich, die schönste militärische Musik durchdringt unser Innerstes,
unsere Geruchsnerven werden durch die ungewöhnlichen Dämpfe von
Bratwürsten gereizt, das Städtchen Lichtenfels einst nur der
Burgsitz eines Großen gleichen Namens liegt vor uns in seiner ganzen
Ausdehnung; unsere Sehnsucht steigt und unsere Rosse, deren Magenwände
sich zu reiben scheinen, eilen mit beflügelten Schritten dahin. In
der Linie des Burgberges, dessen einst reiche Bewohner (z. B. von Orlamund)
ihren Sitz der ärmsten Classe von Taglöhnern eingeräumt
haben, zeigt sich uns eine eckelhafte Abbildung des gekreuzigten Jesus
und seiner beyden Schächer, welche wahrscheinlich nach dem Muster
der gleich abscheulichen Bildnisse in der mit einem Galgen (wozu?) noch
jetzt versehenen Vorstadt Staffelstein geschnitzt wurden. Hinter dem Bürgerspitale
und einigen anderen Gebäuden, welche als die erste Vorstadt im nächsten
Jahre noch durch eine Reihe gleichgeformter Häuser vermehrt werden
sollen, ist die von Mauern und Gräben eingeschlossene Stadt versteckt;
ein hoher Wachtthurm von alten festen Sandsteinen mit dem Wappen des Orts
Lichtenfels und des Fürstb. Joh. Gottfried von Aschhausen v. 1618
eröffnet uns den durch ein altes Vorgebäude verfinsterten Eingang.
Die gerade holperichte Landstraße führt uns neben dem aus den
Ruinen des Burgschlosses erbauten Rathhause auf den breiten Marktplatz,
wo sich soeben 36 Karossen voll Lustreisender zusammendrängen. Wir
verlassen eilig unsern Wagen, um in einem der beyden Gasthäuser ein
gutes Nachtquartier vor Ändern zu bestellen; allein auch bey der größten
Eilfertigkeit kommen wir zu spät, indem die Fremdlinge der 34 Chaisen
schon die wenigen Gastzimmer in Besitz genommen haben. Kaum geben die übrigen
zahlreichen Städter über die Unmöglichkeit sich jetzt umzukleiden
oder Nachts die nöthige Ruhe zu genießen einander ihre Verlegenheit
(* Lichtenfels hat seit der K. B. Regierung durch den Aufenthalt vieler
Staatsdiener, durch die Fabriken, durch vermehrte Holzgeschäfte, durch
vervielfältigte Vergnügungen überhaupt und besonders durch
das Gesellschaftstheater und jährliche Freyschießen, durch das
Kaffeehaus und drey Billarde, durch die Tanz-, Zeichen- und Mahlerschule,
durch vorstrebende allseitige Bildung der Jugend, durch erhöhte Civilisation
der Erwachsenen, durch den ständigen Theatermahler und Zimmerdecorateur
A. Fries, durch den allgemein herrschenden praktischen Libertinism,. durch
die neue Postanstalt so viele Vorzüge gewonnen, daß es in fortlaufender
Steigerung derselben sich bald zum Nebenbuhler Bambergs erheben wird. Sollte
man nicht auch bey dem außerordentlichen Zusammendrängen mehrerer
Reisenden als sonst den zwey Gastwirten einen peremtorischen Termin von
einem Jahre zur Verdopplung ihrer Fremdenzimmer setzen; und nach fruchtlosem
Verlaufe dieses Ziels wenigstens noch 34 Bürgern das Gastwirthschaftsrecht
ertheilen, und dagegen die Gemeindbrauerey aufzuheben suchen? Daß
letztere vielen einzelnen Bürgern schädlicher als nützlich
ist, bedarf gar keiner Untersuchung, zu erkennen, so tröstet uns schon
der Wirth mit der vom K. Landgerichte getroffenen Einrichtung, daß
alle übrige Fremde in den Gebäuden anderer wohlhabender Bürger
Nachtquartier finden würden. Froh. uns aus dieser ungewöhnlichen
Verlegenheit wieder befreyt zu wissen, wandeln wir durch eine lange Seitenstraße
über zwey Kanäle des Mains dem Schießplatze zu, welcher
erst am Ende der Stadt sichtbar wird. Plötzlich stellte sich das ganze
Etablissement zum Vergnügen unserem Auge dar; unzähliche Menschen
durchkreuzen sich hier auf dem schönsten Wiesengrunde unter dem wohlthätigsten
Schatten und höchst aromatischen Geruche l00jähriger Lindenbäume.
Zur Rechten ist eine hohe Vogelstange und ihr gegenüber ein niedliches
chinesisches Haus errichtet, dessen 4 grüne Vorhänge die Scharfschützen
gegen Sonne, Wind und Regen in gleichem Maße sichern. Diesem zur
Seite steht ein sehr geschmackvoll koloriertes italienisches Gebäude
von 60 Schuhen in der Länge 20 in der Breite und Höhe mit drey
vorspringenden Pavillons; neugierig nach dessen innerer Einrichtung be-
treten wir es sogleich durch die nahe Seitenthüre. In diesem Hause
finden wir zahlreiche Diener der Schützen mit dem Laden der Büchsen
zum Erringen des Ehrenpreises so beschäftigt, daß man sich ohne
zu geniren kaum durchwinden kann. Wir bleiben vor der Barriere des ersten
Pavillons stehen, in welchem sich der Protokollist über die einzelnen
Schüsse beschäftigt; der Schützenmeister (* Diese
Ehrenstelle wird in kleinen Städten gewöhnlich dem reichen Bürger
überlassen; auch in Lichtenfels ist sie dem H. Hauptmann der Bürgermiliz,
kön. Salzfactor, Besitzer sehr vieler Walddistricte einer Potagen-
und Porzellainfabrik, Groß- und Kleinhändler in Tuch-, Galanterie-
und Spezereywaaren, Spediteur, Kommissionär, Holzhändler en gros
Felix Silbermann anvertraut) kommt uns entgegen, und belehrt uns mit besonderer
Gefälligkeit, daß 324 fl der Einlage zu 50 Loosen verwendet
werden sollen, wovon das erste in 50 fl bestehe. Es gebe unter der Schützen-
gesellschaft ordentliche und Ehrenmitglieder: letztere zahlten bei der
Aufnahme 2 fl rhein, würden dafür sogleich mit 3 Kanonenschüssen
begrüßt, seyen für allkünftigen Jahre verbunden, 6
Loose zu übernehmen, genößen aber dafür das Recht,
alle Jahre an jedem Balle ohne besondere Einlage freyen Antheil nehmen
zu dürfen". Wir bezeigen unsere Zufriedenheit über diese Anordnung,
entrichten das bestimmte Opfer zur Aufnahme in die Gesellschaft, und begeben
uns mit einem blauweißen Ordenszeichen beehrt einstweilen zur Ansicht
der übrigen Anstalten durch die entgegengesetzte Flügelthüre.
Erst hier bemerken wir, daß das ganze Viereck zum dreyfachen
Scheibenstande verplankt, und mit jungen Pappelbäumen, welche über
den neugierigen Pöbel wohltätigen Schatten verbreiten, besetzt
ist. Auch das mit einer blauweißen Fahne gezierte Schießhaus
maßkirt den Stamm einer tausendjährigen Linde, deren Seitenäste
sich weit über dasselbe ausbreiten, und deren Haupt sich hoch in den
Wolken verliert. Dicht an dieses Haus reihen sich fünf Zelte, deren
jedes zur Aufnahme einer großen Familie hinlänglichen Raum bietet.
Das erste und letzte sind in viereckiger Gestalt mit einer runden Kuppe,
das zweyte und vierte nach alt-militärischer Form oben zugespitzt
und das mittlere runde ist ein acht römisches Zelt nach der Zeichnung
des zu Lichtenfels wohnenden Theater- mahlers A. Fries, welcher durch seinen
Unterricht im Zeichnen in Sonntagsschulen auf die Bildung der männlichen
und weiblichen Jugend daselbst eben so vortheilhaft einwirkt, als er seit
seinem Auf- enthalte zur Verschönerung der Stadt und deren Gegend
sehr wesentlich beygetragen hat. Zwey dieser Zelte tragen vergoldete Weltkugeln,
wovon eine auch noch mit einem Halbmonde sehr zweckmäßig versehen
ist, als idealische Zeichen der moralischen und politischen Herrschaft
auf dem Haupte; Aushängschilde geben die Namen der Besitzer jedem
Fremden zu erkennen. An diese kleineren Zelte schließt sich ein allgemeines
Gastzelt zum Bewirthen zahlreicher Fremden an; nach einem schmalen Zwischenraume
folgt ein langes breites und hohes Gebäude mit Fichtenstrauch zierlich
um- wunden. Noch unbekannt mit dessen Zwecke ist uns ein Einheimischer
mit der Belehrung willkommen, daß dieses nach dem Muster des französischen
Schlosses Trianon errichtete Gebäude zum Tanze bestimmt sey. Gleich
daneben sehen wir eine Reihe Dampfmaschinen zu Bratwürsten und anderen
Fleischspeisen, deren Geruch sich in die weiteste Umgebung verbreitet.
Hinter einer langen Reihe von kleineren Zelten und Hütten belustigt
sich die männliche und weibliche Jugend dem Geiste unseres reitlustigen
Zeitalters gemäß auf einem Karoussel von 4 Pferden, und eine
große Halle schützt die Spieler von zwey Kegelbahnen vor zu
großer Sonnenhitze. Mühsam wenden wir uns auf der Rückkehr
durch die vermehrte Volksmenge zu den hinter dem Tanzhause aufgestellten
Buden von Galanterie- und Zuckerwaren, wohin die mannigfaltigsten Gegenstände
Käufer aus allen Gegenden locken, und kehren endlich in das Schießhaus
zurück, um unsere Kunst an der Vogelstange sowohl als Scheibe zu erproben.
Noch haben wir das Ziel nicht erreicht, und die Trompete ruft uns schon
zur Tafel in das allgemeine Gasthaus. Daß diese neue Anlage aus allen
Gegenden einen außerordentlichen Zusammenfluß von Menschen
bewirken würde, war um so gewisser zu erwarten, je bekannter schon
die Stimmung der Einwohner von Lichtenfels für Freuden des Lebens
besonders seit der Errichtung des Gesellschafts- theaters geworden ist,
und je leichter und ungezwungener auch jeder Fremde mit ihnen sympathesiren
kann; daß sich aber zur Table d'Hotes noch mehr Fremde einfinden
würden, als der Raum erlaubt, und daß die Einheimischen aus
Delicateß sich zurückziehen würden, um den Fremden Platz
zu geben, übertrifft noch unsere Erwartung. Die Auswahl, Zahl, Mischung
und Zubereitung der seltensten und kostspieligsten Speisen setzten uns
bald außer Zweifel, daß der Koch und Leiter des ganzen Tisches
Heinrich Krappmann in großen fürstlichen Hofküchen müsse
erzogen und gebildet worden seyn. Die durch Rollzüge nach Belieben
beweglichen Seitenwände von Leinwand öffnen der äußeren
Atmosphäre einen freyen Zutritt in das von Menschen angefüllte
allgemeine Gastzelt. Die muntersten Gespräche, reine Getränke,
und ein vollständiges Orchester x würzen die niedlichen Speisen,
und stimmen die Gemüther aller Anwesenden zur besonderen Fröhlichkeit.
Zahlreiche Toasts unter dem Kanonendonner, Trompeten- und Paukenschalle
auf das Wohl des königlichen und herzoglichen Hauses sowohl als der
ganzen Gesellschaft schließen das festliche Mahl. Nach aufgehobener
Tafel widmen sich die Schützen ihrem bestimmten Geschäfte wieder,
während sich andere Gäste theils im Gewühle der jubelnden
Menschenmasse verlieren, theils im schönen Wiesengrunde längs
des Maines lustwandeln. Wir drängen uns durch die zahllose Menge zur
großen Mainbrücke hin, und wandern auf einem Fußpfade
zur Linken dem schönen Sommerhause des Herrn Grafen von Brockdorf
zu, welcher seinen Wohnsitz in dem vor uns liegenden weitläufigen
Dorfe und Rittergute Schney hat, woselbst auch eine wohl bestellte Porzellanfabrik
anzutreffen ist. Die im Belvedere eben anwesende Familie desselben hat
uns kaum als neugierige Fremdlinge wahrgenommen, so sind wir auch schon
eingeladen, die auf hohen Säulen ruhende Altane ihres Hauses zu besteigen,
um unsere Augen an den schönsten Gegenden des Bamberger Landes zu
weiden. Fürwahr die entzückendste Aussicht in den üppigsten
Grund, aus welchem uns der Main durch 100 Krümmungen von Hochstadt
bis Bischberg entgegenspielt! (* Die genaue Beschreibung [und Abbildung
dieses einzigen Panoramas nach der Meisterhand des H. Mahlers Daniel Hesse
zu Lichtenfels] wird vielleicht im nächsten Jahre erfolgen.)
Wir begeben uns in gerader Richtung von dem Sommerhause hinab in eine arme
Schiffershütte, dessen einsamer Bewohner uns in seinen kleinen Kahn
aufnimmt, und durch einen schmalen Arm des Mains in den verlassenen Amors-Hain
hinüberführt. Von hier durchwaden wir das schöne Wiesenthai,
besuchen den KunstDrechsler Joh. Vetter in Unter-Wallenstadt, und wandeln
endlich neben dem so eben neuerbauten Lusthause Zimmermanns (v. Zucker
genannt) zu, hinter welchem in dem schönen Tempel des Gottesgartens
eine verunglückte Abbildung Jesus am Kreuze zu sehen ist. Dem hohen
Wachtthurme zur Seite scheint sieh außer der Stadtmauer auf dem alten
Graben eine neue Vorstadt für die vermehrte Volksmenge bilden zu wollen;
das dreyeckige Vorgebäude und der alte Thorbogen wird des erbärmlichen
Aussehens wegen auch bald niedergerissen, und durch ein geschmackvolleres
Steingebäude ersetzt werden. Während wir mit unserem Blicke sowohl
auf den erst neu errichteten Laternpfählen, welche nach dem Muster
des großen Paris von 1789 zum Aufknüpfen der einstigen Ruhestörer
und zur matten Beseuchtung der Straße zugleich dienen können,
als auf dem äußerst schlechten Pflaster (* N. 204 des allgem.
Anzeigers zu Gotha v. l. Aug. 1812 enthält eine Apologie des neuen
Chausseebaues, welche wenigstens im Fürstenthume Bamberg keine Anwendung
findet. Denn ehe unsere Chausseearbeiter gekleidet waren, waren die Wege
noch besser, obgleich schon vor Jahrzehnten ganze Strecken aus der Staatskassa
ohne Frohnfuhren in kurzer Zeit gebaut wurden. Ich will weder die seit
10 Jahren schon begonnene Chaussee nach Bug am Forst noch auch den seit
2 Jahren durch langsame Frohnhände und Fuhren abgetragenen Trieber
Berg in Erinnerung bringen; ich übergehe auch die Behauptung, daß
das Chausseegeld großentheils vom Auslande entrichtet werde, daß
dasselbe bey der Mautheinrichtung abgehoben und bald darauf unter einem
anderen Namen [S. 157] verdoppelt oder verdreyfacht wurde; nur die Möglichkeit
will ich entgegnen, daß nach der jetzigen Methode die Chausseen Bambergs
zu bauen und zu unterhalten der Staat und die Unterthanen hintergangen
werden können. Zum Beyspiele die Straßenwärter können
Douceurs von Hand- oder Wagenfröhnern annehmen, um diesen den Schein
der [nicht] geleisteten Arbeit zu ertheilen. Waren gestern 60 Kiesfuhren
durch das K. Landgericht angeordnet, und es wurden gegen Entrichtung des
Douceurs nur 10 geleistet, so muß morgen eine andere Gemeinde aufgefordert
werden, welche sich auf gleiche Art der Schuldigkeit entzieht. So können
während eines Sommers alle Gemeinden von 23 Landgerichten zur unbilligen
Frohn aufgefordert, die Bauern um ihr Geld und die Chaussee doch nicht
weiter gebracht werden. Der Apologet mag wohl vieles auf dem Papier berechnen,
aber er kann nicht Alles durch Erfahrung nachweisen.) Der langen Straße
durch die Stadt ein wenig verweilen, stürzt ein hoher Lastwagen des
Silbermännischen Etablissements in eines der unzähligen Löcher,
und bleibt wegen des Bruches der vordem Axe sogleich liegen. Besorgt unsere
geraden Glieder oder gar das Leben auf einem Spaziergang durch die Stadtstraße
zu verlieren, ziehen wir uns hinter der Stadt zwischen den seit einigen
Jahren sehr vervielfältigten Felsenkellern und dem von Obstbäumen
und dem schönsten Wiesenteppiche prangenden Stadtgraben zuerst in
die Silbermännische Potagenfabrik, hinter welcher ein niedliches Gärtchen
mit einer schönen Amorshütte und auf erhabenerem Grunde ein herrliches
Sommerhaus zur Übersicht der ganzen Gegend sehr zweckmäßig
angebracht ist. Nach einem kurzen Aufenthalte kehren wir auf der Chaussee
zurück, welche in das ehemalige Kloster Langheim führt, aber
durch zu viele und zu breite Löcher fast unzugänglich geworden
ist. Unsere einheimischen Führer lenken uns also zur Rechten in eine
schöne stets offene Schmachtlaube, deren vier Ruhebänke ursprünglich
vielleicht nur für verschmelzende Liebespaare bestimmt auch uns
ermüdete Wanderer erquicken. Nach einigen Betrachtungen über
die schöne Wölbung zum Wiederhalle tiefer Seufzer der süßen
Vorzeit und hoffnungsleeren Zukunft erheben wir uns auf den Burgberg, um
der entzückenden Aussicht zu genießen.
Wenden wir unseren Blick rechts, so schimmert der weiße Thurm
des zerstreuten Mistelfelds entgegen, und der fortlaufende Walddurchschnitt
zeigt uns den Weg nach der ehem. Abtey Langheim - weiter hinauf winkt uns
das Dorf Krappenroth, im Tannenwalde Krappenberg lieblich versteckt, aus
der obersten Bergspitze entgegen - ferner am Horizonte zeigt sich ein Theil
des geschäftigen Schwürbitz am Fuße des Waldes Göritzen,
hinter welchem die Gebäude des ehem. Cisiercienser-Nonnenklosters
Sonnenfeld sich noch befinden. Im weit geöffneten Schlunde eines mit
Sauergras bedeckten Sumpfes sind die einzelnen Gebäude des erst im
vorigen Jahrhundert entstandenen Dorfes Neuensee weitläufig zerstreut.
Vor diesem hat sich das volkreiche Michelau gruppiert, dessen Sinnesart
Jäcks Geschichte Bgs. B. III. S. 43 ausführlich erwähnt.
Zu unsern Füßen liegt die Stadt Lichtenfels mit allen
ihren schönen Umgebungen, in weiterer Entfernung Ober- und Unter-Wallenstadt,
und jenseits des Wasserspiegels das Rittergut Schney sanft an die Berge
hingelehnt uns gegenüber Kosten, Ellenroth und Weingarten. Kehren
wir uns um, so erscheint uns zur Linken das schöne Gebäude
von 14Heiligen und die beyden Staffelberge - vor uns liegt der uralte Flecken
Staffelstein mit ihrer großen höchst fruchtbaren Flur, und hinter
demselben zieht sich das Mainthal bis Ebensfeld und Döringstadt hinab
- rechts zeigt sich das (* Man kann sich des Lachens nicht wohl enthalten,
daß auch in dem kalten windreichen Bergschlosse die Gesellschaft
zur Verherrlichung des Kirchweihfestes zu Banz auf den 25ten Sept. d. J.
durch gedruckte Billets eine Einladung zum Scheibenschießen, Souper,
Table d'Hotes, Feuerwerk, Ball, gute Speisen und Getränke -
dann treffliche Musik an die vorzüglichsten Personen der ganzen Gegend
gemacht hat. Ln, fettes Lamm, eine K. B. Ducate und ein K.
B. Thaier waren die Gegenstände des kurzen Preisbewerbens; weswegen
auch die benachbarten Honoratioren um 6-7 Uhr schon wieder zu Haus seyn
konnten, ohne das Feuerwerk abzuwarten) nach der Secularisation zum Sitze
eines Landgerichts, Rent- und Pfarramtes umgeschaffene Kloster
Banz, dessen majestätisch sonst emporragende Thürme sich
zu zertheilen und in das Thal hinabzuneigen scheinen, seitdem geldgierige
Hände sie auch der viele Zentner schweren Schließen beraubt
haben. Unersättlich im ruhigen Genüsse dieser Augenweide wünschen
wir um so mehr auf diesem Berge zu wohnen, je einladender der zwischen
Acacien-, Linden- und Pappelbäumen dahin führende
Weg durch die thätigste Fürsorge des H. L. Assessors Fexer geworden
ist. Doch reißen wir uns endlich von diesem idealischen Vergnügen
wieder los, und steigen zwischen der neuen Allee den Berg hinab, an dessen
Fuße sich zur Rechten eine noch breitere Allee anschließt,
welche in einem Halbmonde um die Hälfte der Stadt nach
wenigen Jahren schon einer der angenehmsten Spatziergänge außer
Lichtenfels werden wird. Der Abend nahet unterdessen heran, wir schreiten
durch das untere Thor auf der Hauptstraße der Stadt vor, unsere Aufmerksamkeit
wird schon wieder durch eine außerordentliche Erscheinung gefesselt;
das Zusammenströmen der festlich gekleideten Stadtbewohner nach dem
in der Mitte stehenden Rathhause bringt uns auf die Vermuthung,
daß nach dem öffentlichen Anschlagzettel so eben Thaliens Tempel
daselbst geöffnet wird. Wir drängen uns dahin mit gleicher Neugierde
nach den prächtigen Decorationen und reichen Costumes sowohl als nach
der Gewandtheit des Personals dieses seit einigen Jahren bestehenden
Gesellschaftstheaters. Zum heutigen Sujet ist der Fridolin von Holbein
gewählt worden; die Zahl der Zuschauer wird außerordentlich
groß; unter den Spielern debütiren der Mahler Hesse und
Forstgehülfe Löser zwar am besten; aber auch am schönen
Geschlechte ist der gute Wille das Streben nach theatralischer Kunst
um so weniger zu verkennen, je lebhafter die Erinnerung an das
gelungene Debüt der Clara von Hoheneichen in uns noch wohnt.
Nur bedauern wir, daß das Locale die schönen Ideen der Intendance
des Theaters in der Ausführung zu sehr beschränkte.
Nach beendigtem Schauspiele eilte die große Menge von Zuschauern
und Spielern dem Schießhause wieder zu, woselbst bereits der
Ball im Trianon eröffnet ist. Dieses durch 4 Lustres erleuchtete Tanzhaus
öffnet sich durch zwey große Thüren in den Wiesengrund,
auf welchem die erhitzten Tänzer im Mondscheine sich abkühlen
können; in der Mitte des Saales ist eine Erhöhung, auf
welcher die einheimischen berühmten Tonkünstler die schönsten
Proben ihrer musicalischen Fertigkeit geben. Dadurch wird derselbe in zwey
Theile gleichsam getheilt und der unschätzbare Vortheil gewonnen,
daß die eigentlichen Honoratioren und civilisirteren Bürgerlichen
zwey geschlossene Reihen bilden, und auf diese Art jede Kollossion
beseitigen können. Doch diese ist auch nicht von ferne zu besorgen:
vielmehr gehen alle Anwesende so harmonisch und vertraulich mit einander
um, daß man glauben sollte, sie gehören zu einer einzigen
großen Familie. Tritt eine musicalische Pause ein, so zieht
man sich theils in das allgemeine Gastzelt, theils in eines der außen
und innen beleuchteten Privatzelte zurück, oder man ruht entweder
auf den um den Saal herumlaufenden Bänken aus, oder drängt sich
an einer der beiden Bogenöffnungen zu der im Hintergrunde des Tanzsaales
angebrachten Spieshalle, aus welcher Erfrischungen jeder Art in großen
Pokalen gereicht werden. Vom Übergenuße der Vergnügungen
betäubt, lassen wir uns endlich in die uns bestimmten Privathäuser
führen, um uns zur Ruhe zu begehen. So durchkreuzten sich die Festlichkeiten
jeden Tag der Woche; erst die wiederkehrende Morgensonne setzte der Fröhlichkeit
der Tänzer Schranken und gebot ihnen, sich für den kommenden
Tag durch einen kurzen Schlaf neue Kräfte zu geben. Der letzte Tag
war der feyerlichste geworden durch die Anwesenheit Sr. Durchlaucht des
Herzogs Wilhelm von Baiern und durch eine Menge anderer höherer Personen
aus Bamberg (* Voriges Jahr wohnten auch Se. D. Prinz Josias Feldmarschall
v. Koburg dem Freyschießen zu Lichtenfels bei) Höchstdieselben
kamen mit einer kleinen Suite zwischen 1011 Uhr in Lichtenfels an: am
Thore und am Schießplatze paradirte das Bürgermilitär,
Trompeten und Pauken erschollen unter dem lebhaftesten Donner der Kanonen
von der platten Verdachung des Schießhauses; der kurz davor unterrichtete
H. Landrichter Schell und H. Schützenhauptmann hatten die Ehre, Se.
Durchlaucht im Namen der ganzen Gesellschaft zu empfangen und von allen
Verhältnissen zu unterrichten. Gegen 7 Uhr Abends kehrten Höchsr-
dieselben sehr vergnügt nach Bamberg zurück, und gaben zwey Tage
hernach bey der Preisvertheilung Höchst-Ihre besondere Zufriedenheit
in einem gnädigsten Handbillet und durch eine schwere goldene Medaille
mit dem Bilde von Höchst-Ihnen und der Durchlauchtigsten Frau Gemahlin,
welche wie ein Ordenszeichen der Schützengesellschaft zum ewigen Andenken
und bey den jährlichen Feyerlichkeiten dem Hauptmanne zur besonderen
Decoration dienen wird, zu erkennen. Auch die Tonkünstler, welche
an diesem trüben Tage vorzüglich zu erhöhten Munterkeit
der zahlreichen Gäste beygetragen hatten, und die flüchtigen
Bedienten wurden von Höchst-Denselben reichlich beschenkt, Die dicke
Finsterniß in der Nacht jenes merkwürdigen Donnerstags wurde
durch Beleuch- tung des Schießhauses auf geraume Zeit wieder
verscheucht. Während dieser Illumination wurde auch ein Feuerwerk
abgebrannt, welches sich aber durch die Ungeschicklichkeit der Fabrikanten
desselben beynahe auf eine für viele Menschen sehr tragische Art beendigt
hätte. Zur Beförderung dieser Festlichkeiten trugen alle Jahre
und besonders am zweyten Tage die Honoratien von Koburg durch zahlreiche
Theilnahme ganz vorzüglich bey, und erprobten auf diese Art vom Neuen
die schöne Eintracht, welche zwischen den Bewohnern von Lichtenfels
und Koburg schon seit Jahrhunderten herrscht. Die ausgezeichnete Achtung,
mit welcher man ihnen hier zu begegnen suchte, haben sie während des
Freyschießens (* Ein kurzer Auszug meiner früheren Beschreibung
des Freyschießens zu Lichtenfels fand sich schon im Korrespondenten
v. u. f. Deutsch- land 1811. N. 214 S. 860) außer ihrem Stadtbezirke
im vollsten Maße erwiedert. Dazu waren ihre glänzenderen Anstalten,
zu deren ausführlicher Beschreibung sich vielleicht einst Gelegenheit
geben wird, sehr beförderlich. Auch die Schützengesellschaft
von Cronach bewies ihre lebhafte Theilnahme an den Festins zu Lichtenfels
durch einige Abgeordnete, aus welchen einer sogar den ersten Preis daselbst
gewann: sie behielt sich vor, die empfangenen Gefälligkeiten den Einwohnern
von Lichtenfels zu erwiedern, und hat ihr Wort redlich erfüllt.
Cronach durch tapfere Schützen im Hussiten-, Bauern- und Schwedenkriege
schon berühmt geworden ließ bey den bekannten Activvermögen
der Schützengesellschaft mit Grund hoffen, daß es seinem neuen
Nebenbuhler Lichtenfels in der Anordnung des Ganzen wenigstens nicht nachstehen
würde. In der That war auch das Kon. Landgericht eine tägliche
Table d'Hotes von 7080 Gedecken mit ausgesuchten Speisen im Franziscaner
Kloster veranstaltet. Jedem Gaste vorzüglich dem Fremden wurde
so zuvorkommend begegnet, die Bedienung am Tische war so zahlreich und
geschwind, man bemühte sich so allgemein die guten Speisen mit passenden
Scherzen zu würzen, daß man vom Danke gegen die treffliche Polizeyanstalt
gerührt gerne unwillkürlich lange verweilte. War die höhere
Gebirgsgegend und die kältere Jahreszeit für viele Reiselustige
weniger anziehend, verhinderte auch das veränderliche Wetter manchen
gewöhnlichen Theilhaber dahin zu kommen, hatte die Lage des Schießplatzes
nicht jene reitzenden Umgebungen wie zu Lichtenfels, war auch der Tanz-
und Speisesaal nicht mit diesem, wie dort, unmittelbar verbunden, so entschä-
digte dafür ein vielseitiges dort abgehendes Kartenspiel, die höchst
elastische Bewegung des Tanzbodens auf dem Rathause, und die geistreiche
Erinnerung an die verwaisten h. Gräber beym Eintritte in den mit Cuirlanden
behängten Saal. Auch war dieses Jahre noch zur Seite des im 17. Säculum
errichteten Schießhauses mit besonderem Kostenaufwande eine Hütte
von Fichtenstrauch er- richtet, dessen baldige Vertrocknung durch
heiße Sonnenstrahlen und daraus entstehende Feuersgefahr beym Vogelschießen
einige Unerfahrene irrig befürchteten. Eben so diente ein Karoußel
zur Unterhaltung der reitlustigen Jugend. Vom Kunstsinne und klug verwendetem
Kapitalfonde der Einwohner Cronachs ist zu erwarten, daß wesentliche
Verschönerungen im Innern und Äußern der 2 Stadtgebäude
nur nach reif durchdachten Plänen künftig erst noch vorgenommen
werden sollen
Nachwort zum vorstehenden Bericht:
Bibliothekar Jäck hat in seinem Taschenbuch sowohl allgemein der
Stadt Lichtenfels, mehr noch aber der Scharfschützengesellschaft,
ein überaus ehrendes literarisches Denkmal gesetzt. Mit seltener Anschaulichkeit
beschreibt er die Landschaft am Obermain und läßt uns zugleich
das liebe vertraute Schützenfest auf dem Anger in voller Klarheit
mit erleben. Jäck war bis zur Säkularisation im Jahre 1802 Konfrater
in Kloster Langheim. Er kannte dadurch Lichtenfels und seine Umgebung,
er war auch mit vielen Bürgern befreundet. Diese Kenntnis und Vertrautheit
Führte ihm die Feder. So entstand ein wahrheitsgetreues Bild, von
hohem ortsgeschichtlichen Wert, das seine Bedeutung nie verlieren wird.
Dieser Umstand rechtfertigt auch die ungekürzte Wiedergabe seines
Berichtes.